„2026 wird das Jahr des Aufschwungs für Österreich“, versprach Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) im Jänner und legte dabei selbst die Latte fest: mindestens ein Prozent Wirtschaftswachstum. Aktuelle Zahlen von Eurostat, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds zeichnen nun ein deutlich ernüchterndes Bild.
Ein Land im Minus, während Europa wächst
Im zweiten Quartal legte die Wirtschaft in der EU gegenüber dem Vorquartal um 0,7 Prozent zu – Österreich verzeichnete dagegen ein Minus von 0,1 Prozent und war damit unter allen EU-Ländern mit verfügbaren Werten das einzige im negativen Bereich. Für Luxemburg lag zum Erhebungszeitpunkt noch kein Wert vor. Der Trend zieht sich bereits seit Monaten hin: Im dritten Quartal 2025 wuchs die heimische Wirtschaft noch um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal, danach nur noch um 0,2 und 0,1 Prozent – jetzt folgte mit minus 0,1 Prozent erstmals ein tatsächlicher Rückgang. Auch im Jahresvergleich fällt Österreich zurück: Während die gesamte EU im zweiten Quartal ein Plus von 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr erreichte, kam Österreich nur auf 0,4 Prozent.
Stockers eigene Zielmarke gerät ins Wanken
Diese Entwicklung bringt den Kanzler in Erklärungsnot: Sein selbst gestecktes Ziel von einem Prozent Wachstum liegt inzwischen deutlich außer Reichweite. EU-Kommission und Internationaler Währungsfonds rechnen für Österreich mittlerweile nur noch mit 0,6 Prozent Wachstum für das laufende Jahr – eine Marke, an der sich die Regierung nun an ihrer eigenen Ansage messen lassen muss.
Arbeitsmarkt kippt ins Negative
Noch deutlicher zeigt sich der Rückstand am Arbeitsmarkt. Im Juli 2025 lag Österreichs Arbeitslosenquote laut EU-Berechnung noch bei 5,6 Prozent, während der EU-Schnitt bei 6,0 Prozent lag – Österreich stand also besser da. Ein Jahr später hat sich das Bild gedreht: Österreich liegt nun bei 6,2 Prozent, die EU bei 6,1 Prozent. Während die Arbeitslosigkeit EU-weit nur um 0,1 Prozentpunkte stieg, waren es in Österreich 0,6 Punkte – nur Malta und Luxemburg verschlechterten sich noch stärker, Österreich teilt sich den nächsten Platz mit Frankreich und Finnland.
Junge Menschen besonders betroffen
Bei der Jugendarbeitslosigkeit fällt der Anstieg noch drastischer aus. Waren im Juli 2025 noch 9,9 Prozent der unter 25-Jährigen in Österreich arbeitslos, stieg dieser Wert binnen eines Jahres auf 12,2 Prozent – ein Plus von 2,3 Prozentpunkten. Die EU-weite Jugendarbeitslosigkeit legte im selben Zeitraum nur um 0,2 Punkte zu, von 14,9 auf 15,1 Prozent. Zwar liegt Österreich beim absoluten Niveau noch immer besser als der EU-Schnitt, bei der Entwicklung hat aber unter den Ländern mit vergleichbaren Monatswerten nur Lettland einen noch stärkeren Anstieg verzeichnet.
Weniger Jobs, weniger Investitionen
Auch bei der Beschäftigung zeigt der Trend nach unten: In der EU waren im zweiten Quartal 0,4 Prozent mehr Menschen beschäftigt als im Vorjahr, in Österreich dagegen 0,2 Prozent weniger – nur sieben der 27 EU-Staaten meldeten überhaupt einen Rückgang, Österreich zählt dazu. Ähnlich das Bild bei den Investitionen: Während in der EU real 2,3 Prozent mehr in Maschinen, Gebäude und Anlagen investiert wurde, sanken die Investitionen in Österreich um 0,9 Prozent – ein Warnsignal, weil Investitionen maßgeblich über das künftige Wachstumspotenzial einer Wirtschaft mitentscheiden.
Einordnung durch das WIFO
Ganz so düster, wie die Rohzahlen suggerieren, ist die Lage laut dem Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) allerdings nicht. Das Institut warnt davor, das BIP-Minus von 0,1 Prozent überzubewerten, da ein Teil davon auf statistische Effekte zurückzuführen sein dürfte – die tatsächliche Wertschöpfung in der Wirtschaft sei sogar leicht gestiegen. Auch mehrere Frühindikatoren hätten sich zuletzt wieder verbessert, weshalb das WIFO derzeit keinen neuen wirtschaftlichen Absturz erwartet. Bei der zuletzt ebenfalls steigenden Inflation liegt Österreich zudem nicht am europäischen Schlusslicht. Am grundsätzlichen Befund ändert das aber nichts: Österreich wächst schwächer als Europa, die Arbeitslosigkeit steigt stärker, bei Beschäftigung und Investitionen fällt das Land zurück.
Sparzwang trotz Wirtschaftsflaute
Ausgerechnet jetzt, da die Wirtschaft eigentlich Impulse bräuchte, bleibt der Regierung kaum finanzieller Spielraum. Die EU-Kommission erwartet für Österreich sowohl 2026 als auch 2027 ein Budgetdefizit von 4,1 Prozent der Wirtschaftsleistung. Auch die Staatsschuldenquote steigt weiter: von 81,5 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2025 auf 83,4 Prozent 2026 und 84,9 Prozent 2027. Österreich befindet sich bereits in einem EU-Defizitverfahren – was die Regierung in eine Zwickmühle bringt: Mehr Geld für die Wirtschaft würde die ohnehin schwierige Budgetsanierung weiter erschweren.
Ein historischer Vergleich mit Grenzen
Dass schwache Wirtschaftsdaten nicht zwangsläufig politisches Scheitern bedeuten müssen, zeigt ein Blick in die österreichische Geschichte: 1975 schrumpfte die Wirtschaft um rund 0,4 Prozent, die Inflation lag bei 8,4 Prozent – dennoch gewann Bruno Kreisky mit der SPÖ die Nationalratswahl mit absoluter Mehrheit. Der entscheidende Unterschied zu heute: 1975 steckte nach dem Ölpreisschock nahezu die gesamte westliche Welt in der Krise, Österreich konnte sich damit im internationalen Vergleich noch vergleichsweise gut behaupten. Diese Erzählung funktioniert für die aktuelle Regierung deutlich schwerer – schließlich wächst die EU insgesamt, während Österreich zurückfällt.
Bundeskanzler Stocker hat den „Herbst der Ergebnisse“ ausgerufen. Ob die Wirtschaft rechtzeitig mitzieht, dürfte darüber entscheiden, wie glaubwürdig dieses Versprechen am Ende eingelöst werden kann.
Credits: BKA, Christopher Dunker
Neueste Kommentare