Nevrivy würde 100.000 Gemeindewohnungen „verklopfen“

Nevrivy würde 100.000 Gemeindewohnungen „verklopfen“

Der soziale Wohnbau gilt als Herzstück der Wiener SPÖ – 220.000 Gemeindewohnungen, öffentlich stets als unantastbar dargestellt. In vertraulicher Runde sprach nun ausgerechnet ein roter Bezirksvorsteher aus, was er wirklich davon hält: Ernst Nevrivy aus der Donaustadt würde sich einen Abverkauf von mehr als 100.000 Gemeindewohnungen durchaus vorstellen können.

Ein weiteres Kapitel der „Ruck-Leaks“

Die Aussagen stammen aus jenem Gesprächsprotokoll einer Männerrunde, das bereits zum Rücktritt des Wiener Wirtschaftskammerpräsidenten Walter Ruck geführt hatte, wie „profil“ berichtet. Das mehrstündige, widerrechtlich aufgezeichnete Treffen liegt „profil“ und der „Kronen Zeitung“ zur Gänze vor. Nevrivy hat seine Teilnahme mittlerweile selbst öffentlich sowie gegenüber „profil“ bestätigt. Im Gespräch mit Ruck äußerte sich der Bezirksvorsteher bereits abfällig über Bundesparteichef Andreas Babler und andere Parteifreunde – die SPÖ könne „nicht wirtschaften“, so sein Urteil.

„Völliger Schwachsinn“: Kritik am Gemeindebau-Ausbau

Besonders brisant wird es beim Thema Gemeindebau. Nevrivy erzählte laut Protokoll, wie der frühere Bürgermeister Michael Häupl 2015 bei einer SPÖ-Klubtagung im Burgenland den Bau von 2.000 neuen Gemeindewohnungen verkündete – ein strategischer Schachzug im damaligen Wahljahr. Nevrivy kommentierte das gegenüber Ruck vernichtend: „Die kommen an einem Tag, auf d’Nacht, der Häupl, nach einem ‚Fetz’n‘ – anders kann es nicht gewesen sein – und sagen: Wir brauchen mehr Gemeindewohnungen! Das war ja unglaublich. Wie ich das gehört habe … völliger Schwachsinn! Viel dümmer kannst du es nicht mehr machen.“

„Einen Teil verklopfe ich“

Noch weiter ging Nevrivy bei der Frage nach dem bestehenden Wohnungsbestand. Laut Protokoll sagte er: „Es ist ja völliger Schwachsinn: Gemeindewohnungen sind ja inzwischen Sozialwohnungen. Aber ich brauche keine 220.000 Sozialwohnungen.“ 150.000 oder auch nur 100.000 Wohnungen würden aus seiner Sicht reichen, den Rest könne man an jene verkaufen, die es sich leisten können – „Einen Teil verklopfe ich“, so Nevrivy wörtlich.

Nevrivy rudert zurück

Gegenüber „profil“ und „Krone“ schlug Nevrivy inzwischen deutlich andere Töne an. Es handle sich um ein „widerrechtlich aufgezeichnetes Treffen“, an den genauen Wortlaut könne er sich nicht mehr erinnern. Klarstellend erklärte er: „Als Bezirksvorsteher bekenne mich bedingungslos zum sozialen geförderten Wohnbau in Wien. Denn leistbarer Wohnraum wird weiterhin und sogar verstärkt gebraucht.“ Gerade in einem sich dynamisch entwickelnden Bezirk wie der Donaustadt sei der soziale Wohnbau unverzichtbar für eine positive Bezirksentwicklung, so Nevrivy.

Der Kontext: Ein hochkarätiges Mittagessen

Die Aussagen stehen laut „profil“ in einem größeren Zusammenhang: Nur knapp vier Wochen vor dem Ruck-Treffen, am 21. Oktober 2025, kam eine hochrangige Runde in Räumlichkeiten des Versicherungskonzerns Vienna Insurance Group (VIG) am Wiener Donaukanal zu einem gemeinsamen Mittagessen zusammen. Anwesend waren unter anderem Bürgermeister Michael Ludwig, Vizebürgermeisterin Barbara Novak, VIG-Chef Hartwig Löger, VIG-Aufsichtsratschef Günter Geyer, Dritte Nationalratspräsidentin Doris Bures, Ex-Kanzler Werner Faymann sowie Walter Ruck selbst, der auch Aufsichtsratsmitglied der VIG-Tochter Wiener Städtische ist.

Brisantes Gesprächsthema laut Ruck

Ruck prahlte in der aufgezeichneten Runde damit, das Treffen selbst initiiert zu haben – laut „profil“-Recherchen dürfte allerdings tatsächlich Faymann gemeinsam mit Geyer die zentrale Rolle bei der Einladung gespielt haben. Als brisanten Inhalt des Mittagessens nannte Ruck einen möglichen Verkauf von Wiener Gemeindewohnungen an die VIG: „Ihr müsst das jetzt irgendwann einmal gebacken kriegen mit der Stadt, weil das geht so nicht“, soll er laut eigener Aussage zu Geyer gesagt haben. Laut „profil“-Recherchen soll die VIG zudem schon länger informelles Interesse an städtischem Eigentum hegen, etwa an Einrichtungen des Wiener Gesundheitsverbunds im Pflege- und Reha-Bereich.

Stadt und VIG dementieren geschlossen

Sowohl die Stadt Wien als auch die VIG widersprechen dieser Darstellung deutlich. Ludwig und Novak lassen gemeinsam über einen Sprecher wissen: „Die Stadt und ihre politischen Entscheidungsträger in der Stadtregierung haben sich stets gegen eine Privatisierung von Gemeindewohnungen ausgesprochen. Ein Verkauf von Gemeindewohnungen wurde niemals angedacht oder in Erwägung gezogen.“ Novak bestätigt zwar das Treffen selbst, wonach dabei „standortpolitische Fragen erläutert“ worden seien, betont aber: „Die Stadt Wien plant oder plante zu keinem Zeitpunkt einen Verkauf von Gemeindewohnungen.“ Auch eine VIG-Sprecherin dementiert: „Gespräche über den von Ihnen genannten möglichen Erwerb von Wohnungen bzw. anderen Immobilien gab es weder damals noch danach.“ Ein Sprecher des Wiener Gesundheitsverbunds weist zudem jedes konkrete oder unkonkrete Kaufangebot zurück. Werner Faymann selbst ließ eine Anfrage von „profil“ bis Redaktionsschluss unbeantwortet, Ruck ebenso.

Faymanns Beraterrolle bei der VIG

Bestätigt ist hingegen eine geschäftliche Verbindung Faymanns zur VIG: Eine Unternehmenssprecherin bestätigte gegenüber „profil“, dass Faymann seit April 2023 einen Beraterauftrag zu europäischen Themen für den Versicherungskonzern innehat. Im österreichischen Lobbying-Register findet sich für Faymanns Unternehmen „FMW Beratungs und Beteiligungs GmbH“ ein entsprechender Eintrag für „Beratungsleistungen für leistbares Wohnen und Versicherungsangelegenheiten“ im Wert von 80.000 Euro.

Ein Bezirkspolitiker unter erneutem Druck

Für Nevrivy kommen die Enthüllungen zu einem eigentlich günstigen Zeitpunkt: Er war in der Wienwert-Affäre – der Vorwurf lautete auf Weitergabe geheimer städtischer Informationen an einen Immobilienentwickler – erstinstanzlich freigesprochen worden, auch die Ermittlungen in einer zweiten Affäre um ein wertsteigerndes Kleingartengrundstück wurden eingestellt. Bei der Wienwahl 2025 hatte seine Donaustädter SPÖ mit einem Minus von 7,7 Prozentpunkten bereits die größten Verluste aller roten Bezirksparteien hinnehmen müssen. Mit den nun bekannt gewordenen Aussagen zum Gemeindebau bringt sich Nevrivy erneut in Bedrängnis – und stellt einmal mehr auch die Loyalität von Bürgermeister Ludwig auf die Probe.

Credits: Bernhard Holub – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=185997609 / von KI in Querformat erweitert

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