Ein Chatbot des Landes Niederösterreich kostet 86.800 Euro. Die NEOS sind entsetzt. Verständlich, könnte man meinen – wären da nicht die eigenen Autogrammkarten, die noch nicht ganz aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind.
Der Fall, kurz zusammengefasst
NEOS-Mandatar Christoph Müller hat nachgerechnet: 61.600 Euro Anschaffung, 25.200 Euro laufend, macht 86.800 Euro im ersten Jahr. Bei 7.515 Aufrufen in zwei Monaten macht das elf Euro pro Anfrage. Sein Urteil: „Ein ziemlich teures Telefonbuch.“ Klingt griffig. Ist auch nicht ganz falsch. Nur fehlt dem Satz die eine Fußnote, die ihn erst interessant macht.
Ein Werkzeug für Bürger, kein Prunkprojekt
Werfen wir kurz einen nüchternen Blick auf das, worum es hier tatsächlich geht: kein vergoldetes Klavier, kein Business-Class-Flug, kein Kitzbühel-Empfang. Ein digitales Serviceangebot für die Bürger, zwei Monate alt, noch in der Findungsphase. Dass ein frisch gestartetes Digitalisierungsprojekt der öffentlichen Verwaltung noch keine messbaren Einsparungen produziert, ist ungefähr so überraschend wie ein Kleinkind, das noch nicht Klavier spielen kann. Man könnte auch abwarten. Man könnte auch nachjustieren. Man könnte aber auch, wenn man Landtagsabgeordneter ist und offenbar Zeit übrighat, jeden einzelnen der 7.515 Anrufe in eine Presseaussendung verwandeln.
Die Sache mit den Autogrammkarten
Und jetzt zur eigentlich amüsanten Fußnote. Erst vor wenigen Monaten musste sich dieselbe Partei gegen den Vorwurf verteidigen, für Bildungsminister Christoph Wiederkehr personifizierte Autogrammkarten in „Luxusausführung“ gekauft zu haben – zum fast vierfachen Normalpreis, aus dem Bildungsressort, aus Steuergeld. Abgeordnete Henrike Brandstötter hatte tatsächlich behauptet, alles andere als die Finanzierung über das Ministerium wäre rechtswidrig gewesen. Steuergeldverschwendung als Pflicht verkaufen, Sparsamkeit als Rechtsbruch – das muss man erst einmal schaffen. Wer mit dieser Vorgeschichte im Rücken über elf Euro pro Chatbot-Anfrage wettert, sollte zumindest kurz innehalten, bevor er den Zeigefinger hebt.
Offenbar fehlt es an besseren Themen
Am Ende drängt sich eine simple Frage auf: Ist das wirklich der größte Missstand, den ein niederösterreichischer Landtagsabgeordneter derzeit findet? Ein Pilotprojekt in der Testphase, zwei Monate alt, mit überschaubarem Budget? Wer öffentlich die Abschaffung ganzer Verfassungsorgane wie des Bundesrates fordert, wie es die eigene Partei tut, aber gleichzeitig einen Chatbot Zeile für Zeile seziert, wirkt weniger wie ein Effizienz-Falke als wie jemand, der dringend eine Schlagzeile brauchte und der Chatbot gerade zufällig vorbeikam.
Credits: https://niederoesterreich.neos.eu/
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