Kolumne: Am Höhepunkt der Wahrheits-Schlacht gibt der Kurier das Suizid-Kommando

Kolumne: Am Höhepunkt der Wahrheits-Schlacht gibt der Kurier das Suizid-Kommando

Online gegen Print, einige Social-Media-Blogger gegen Legionen an Redakteuren, das Neue gegen das Alte: Viele Herausgeber und Geschäftsführer wie Eigentümer alter Medienhäuser haben noch immer nicht kapiert, dass aktuell ihre Existenz und jene ihrer hunderten Mitarbeiter am Spiel steht – und der einst seriöse Kurier liefert dazu den Turbo für die Fahrt in den Untergang.

Das Einzige, was die Bosse der alten österreichischen und deutschen Medienhäuser noch vor sich hertrugen wie eine Monstranz zu Fronleichnam: Wir, die Guten, sind zwar etwas angegraut und im Vergleich zu allen Online-Medien schrecklich langsam, aber wir sind seriös und verbreiten nur die Wahrheit. Mit dieser Argumentation öffneten die Geschäftsführer der alten Print-Medien immer wieder die Börsen ihrer von Jahr zu Jahr kleiner werdenden Abonnenten-Schar und holten sich auch so (und mit noch einigen anderen Tricks) die Millionen an Presseförderung von der Bundesregierung.

Aber dieses letzte Argument für die alten Print-Dinos ist nun auch vergeigt: Der Kurier, dessen Geschäftsführung hunderttausende Euro in eine Werbekampagne steckt, die ihn als „Qualitätszeitung“ erscheinen lässt, betrügt seine Leser mit einem Interview von Clint Eastwood, das gar keines ist. Wer wem wann bei diesem peinlichen Schauspiel Kurier-intern nicht die Wahrheit gesagt hat, ist relativ egal – viel mehr ist das ganz große Problem: Am absoluten Höhepunkt der Wahrheits-Schlacht zwischen Print und Online, Print und Social-Media, Print und Bloggern springt die Pinocchio-Legion des Kurier in die vorderste Schlachtreihe und rammt sich die stählerne Feder tief ins Herz. Tausende Medienkonsumenten wissen jetzt: Auch selbsternannte „Qualitätszeitungen“ schummeln und betrügen.

Nur die „Guten“ bekommen Presseförderungs-Millionen – was ist jetzt mit dem Kurier?

Die „Guten“ lügen also auch – das einzige Argument, das noch Abonnenten und Presseförderungs-Millionen brachte, hat nun eine Hollywood-Reporterin und ihr Chefredakteur in Wien vernichtet. Klügere Print-Mitbewerber wissen natürlich, dass der Skandal des Kurier auch heftige Folgen für die ganze alte Papier-Branche hat: Sie verbreiteten gleich Beschwichtigungs-Artikel, dass es gar „nicht dramatisch“ (Kleine Zeitung) sei, den Leser zu belügen und aus irgendwelchen irgendwann gesagten Sätzen Clint Eastwoods ein „Interview“ zusammenzubasteln. Natürlich weiß die Print-Branche, wie schlecht es um sie steht: Hohe Personalkosten, anti-innovative und mit ihrer Selbstvermarktung überlastete Chefredakteure, keine klaren Redaktions-Linien mehr, dazu ein veraltetes Vertriebsmodell für Nachrichten, die am Vortag schon jeder online lesen konnte – dass mit dieser katastrophalen Mischung überhaupt noch Geld verdient werden kann, ist eigentlich ein Wunder.

In dieser extrem angespannten Wirtschaftslage für fast alle Zeitungshäuser Österreichs und Deutschlands liefert der Kurier das, was die alten Print-Medien noch schneller in den Untergang treibt: ein Glaubwürdigkeits-Problem.

Parmenion

Teilen:
0 0 Abgegebene Stimmen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigung von
guest

1 Kommentar
Älteste
Neuestes Meistgewählt
1
0
Ich würde mich über Ihre Meinung freuen, bitte kommentieren Sie.x