Er war Kanzler, Netzwerker, Aufsichtsratschef – und kassierte Millionen. Jetzt muss Alfred Gusenbauer vor dem Handelsgericht Wien erklären, was er dafür eigentlich geleistet hat.
Der Vorwurf: Millionen ohne nachweisbare Gegenleistung
Wie dpa-AFX via gmx.at und finanzen.net berichtete, fordert Signa Holding-Masseverwalter Christoph Stapf von Gusenbauer rund 4,9 Millionen Euro zurück – Zahlungen, die dieser in den Jahren 2022 und 2023 von der inzwischen kollabierten Immobilien- und Handelsgruppe erhalten hatte. Der Vorwurf ist klar: Stapf bezweifelt, dass den hohen Honoraren entsprechende Leistungen gegenüberstanden. Wie der Standard in seinem Teaser zum zweiten Verhandlungstag am 27. Mai berichtete, zweifelt Stapf weiterhin daran, dass Gusenbauers Tätigkeiten die überwiesenen Beträge gerechtfertigt haben.
Die Summe setzt sich laut dpa-AFX aus zwei Posten zusammen: rund 1,4 Millionen Euro als Beiratsmitglied sowie weitere 3,5 Millionen Euro an Beratungshonoraren. Pikant dabei: Nach Darstellung des Masseverwalters hatte der Beirat der Signa Holding vor der Insolvenz Ende 2023 jahrelang nicht mehr getagt.
Gusenbauers Verteidigung: Netzwerk, Aushängeschild, Galeria
Gusenbauer trat dem vor Gericht entschieden entgegen. Wie dpa-AFX berichtete, bezeichnete er sich selbst als „öffentliches Aushängeschild der Signa“ und erklärte, er sei wegen seiner Netzwerke und seiner Wirtschaftserfahrung engagiert worden. Konkret nannte er strategische Beratung rund um die Investition in die deutsche Warenhausgruppe Galeria Kaufhof sowie die Akquise neuer Investoren. Gegen Ende seiner Tätigkeit sei er nach eigenen Angaben fast täglich für die Signa aktiv gewesen. Als Beleg für seinen Wert verwies er darauf, jährlich Boni erhalten zu haben.
Termine mit hochrangigen Persönlichkeiten wie Ex-Bundeskanzler Christian Kern und dem damaligen Nationalbank-Gouverneur Martin Kocher nannte Gusenbauer laut altstadtkirche.de ebenfalls als Beispiele für seine Netzwerktätigkeiten.
Richterin skeptisch – auch nach sieben Stunden
Wie ceiberweiber.at unter Berufung auf den Prozessverlauf vom 15. April berichtete, konnte sich die zuständige Richterin auch nach sieben Stunden Verhandlung kein konkretes Bild davon machen, was Gusenbauer für die fünf Millionen Euro geleistet hatte. Die Richterin stellte laut altstadtkirche.de klar, es müsse geprüft werden, „ob den Honoraren ein konkretes Leistungserbringen gegenüberstand.“ Wie der Standard am 27. Mai berichtete, setzte sich diese zentrale Frage auch beim zweiten Verhandlungstag fort.
Der Hintergrund: Benko in Haft, Signa in Trümmern
Gusenbauer war bis 2008 Bundeskanzler und wechselte noch im selben Jahr in den Beirat der von René Benko gegründeten Holding. In den Folgejahren übernahm er auch die Funktion des Aufsichtsratsvorsitzenden in den wichtigsten Immobiliengesellschaften der Signa-Gruppe. Ende 2023 brach das Imperium zusammen – Benko sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Gusenbauers Zivilprozess ist laut nachrichten.at der erste prominente Zivilrechtsprozess, der im Zuge der Signa-Insolvenz angestrengt wurde.
Credits: APA
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