Mehr als 1.100 Seiten private Aufzeichnungen des früheren US-Gesundheitsberaters Anthony Fauci wurden im Sommer 2026 veröffentlicht – und zeichnen ein detailliertes Bild davon, wie eng medizinische Entscheidungen und Wahlkampftaktik im US-Präsidentschaftswahljahr 2020 miteinander verwoben waren.
Der Weg der Tagebücher an die Öffentlichkeit
US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. erklärte im Juli 2026 gegenüber Fox News, seine Behörde habe die Aufzeichnungen nach einer rund achtmonatigen Suche auf elf verschiedenen Regierungsservern gefunden und den republikanischen Senatoren Rand Paul und Ron Johnson übergeben, wie CBS News und ABC News berichten. Die Veröffentlichung erfolgte kurz vor einer Senatsanhörung mit Fauci am 30. Juli 2026 – weder Fauci selbst noch sein Umfeld waren laut CNN vorab über die geplante vollständige Publikation informiert worden. Die Tagebucheinträge decken den Zeitraum von 2019 bis 2022 ab.
„October Surprise“ als wiederkehrende Sorge
Bereits im Sommer 2020 zeigte sich Fauci laut seinen eigenen Notizen zunehmend besorgt über eine mögliche politische Instrumentalisierung der Impfstoffentwicklung. Am 26. Juli 2020 notierte er, Trumps damaliger Stabschef Mark Meadows könnte auf eine besonders frühe Freigabe drängen, um sich damit ein sogenanntes „October Surprise“ zu verschaffen – ein überraschendes, wahlentscheidendes Ereignis kurz vor dem Urnengang. Einen Tag später traf Fauci Trump persönlich im Oval Office; der Präsident habe akzeptiert, dass ein Impfstoff möglicherweise nicht mehr vor der Wahl fertig werde, sei darüber aber sichtlich unzufrieden gewesen, wie exxpress.at aus dem Tagebuch zitiert. Bereits zuvor, im Juni 2020, richtete sich ähnliche Sorge Faucis Notizen zufolge laut dem Portal „The Gold Report“ gegen die damalige Koordinatorin der Corona-Taskforce, Deborah Birx, der er vorwarf, Trump mit beschleunigten Plasma- und Impfstoffstudien ebenfalls ein solches „October Surprise“ verschaffen zu wollen.
„Wir würden ihm den Rücken stärken“
Konkret wurde die Situation Ende Juli und Anfang August 2020. Am 31. Juli notierte Fauci laut exxpress.at einen „wichtigen Anruf“ von Larry Horowitz, der eng mit der demokratischen Kongressführung um Nancy Pelosi zusammenarbeite – dieser berichtete von einem Treffen im Weißen Haus mit Finanzminister Steven Mnuchin, Stabschef Meadows, Pelosi und dem demokratischen Senator Chuck Schumer. Fauci vermutete, FDA-Chef Stephen Hahn werde unter Druck gesetzt, eine Notfallzulassung zu erteilen, obwohl der zuständige FDA-Impfstoffchef Peter Marks erhebliche Bedenken habe. Wörtlich notierte Fauci: „Ganz klar. Das ist politisch motiviert und wird ein Trick sein, um Trump wiederwählen zu lassen.“ Rund eine Woche später, am 7. August 2020, wurde Fauci laut dem Portal „Rational Ground“ selbst aktiv: Gemeinsam mit dem damaligen NIH-Direktor Francis Collins und seinem Mitarbeiter Clifford Lane rief er Marks an, um ihm Rückhalt zuzusichern, sollte dieser der von Fauci als verfrüht erachteten Freigabe des AstraZeneca-Impfstoffs nicht nachgeben: „Wir würden ihm den Rücken stärken, wenn er die Linie hält.“ Marks selbst bezeichnete das AstraZeneca-Datenpaket laut den Aufzeichnungen als „ein einziges Durcheinander“.
Wissenschaftliche Bedenken und politisches Kalkül zugleich
Wichtig zur Einordnung: Faucis eigene Notizen belegen nicht, dass ein Impfstoff ausschließlich aus wahltaktischen Gründen zurückgehalten wurde. Fauci selbst begründete seine Haltung damit, dass eine verfrühte Notfallzulassung die laufenden randomisierten Studien beeinträchtigen könnte – ein Einwand, der wissenschaftlich nachvollziehbar ist. Die Dokumente zeigen aber unzweifelhaft, dass Fauci die Frage einer frühen Freigabe zugleich explizit im Kontext von Trumps Wiederwahlchancen betrachtete, und dass er auf einen entscheidenden FDA-Beamten einwirkte, um eine aus seiner Sicht verfrühte Zulassung zu verhindern.
Auch andere Verzögerungen dokumentiert
Die Muster wiederholten sich laut „The Gold Report“ bis kurz vor der Wahl: Fünf Tage vor dem Urnengang, Ende Oktober 2020, drängten Fauci, Collins und Lane demnach FDA-Wissenschaftler dazu, mit der Zulassung von Antikörper-Behandlungen der Hersteller Eli Lilly und Regeneron zuzuwarten – während der damalige Gesundheitsminister Alex Azar auf eine Freigabe noch vor der Wahl drängte.
Parallelen in deutschen RKI-Protokollen
Auf europäischer Ebene fügt sich ein bereits zuvor bekanntes Detail nun in ein klareres Bild: In einem Protokoll des Krisenstabs des deutschen Robert Koch-Instituts (RKI) aus dem Herbst 2020 findet sich der Satz, eine Zulassung bei der FDA vor den US-Wahlen sei „nicht gewünscht, auch nicht bei europäischer Behörde“. Wer diese Position vertrat, ging aus dem RKI-Protokoll selbst nicht hervor. Faucis Tagebuch liefert dazu laut exxpress.at nun zumindest den zeitlichen und politischen Kontext, wenngleich es keinen direkten, dokumentierten Zusammenhang zwischen den amerikanischen Beratungen und dem deutschen Protokoll belegt.
Nach der Wahl: plötzlicher Zeitdruck aus Brüssel
Bemerkenswert ist der Kontrast zur Zeit nach der US-Wahl: Eine interne E-Mail des damaligen stellvertretenden EMA-Direktors Noël Wathion vom 19. November 2020 beschreibt eine Telefonkonferenz mit der EU-Kommission als „ziemlich angespannt und zeitweise sogar unangenehm“. Der Kommission sei es demnach kaum akzeptabel erschienen, wenn zwischen der Zulassung durch die US-Behörde FDA beziehungsweise die britische Arzneimittelbehörde MHRA und einer Entscheidung der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA mehrere Wochen vergingen – der „politische Schaden“ einer Verzögerung erschien der Kommission zu groß, wie exxpress.at aus der E-Mail zitiert. Am selben Tag verkündete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen öffentlich, die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna könnten bereits in der zweiten Dezemberhälfte zugelassen werden.
Ein Tagebuch ohne neue Erkenntnisse zum Pandemie-Ursprung
Zur Einordnung ist wichtig, was die Tagebücher laut ABC News gerade nicht enthüllen: Neue Erkenntnisse zum Ursprung der Pandemie liefern sie nicht. Fauci vertritt darin weiterhin, im Einklang mit der Weltgesundheitsorganisation, das Szenario einer natürlichen Übertragung des Virus von Tieren auf Menschen. Die Auseinandersetzung mit Senator Rand Paul um mögliche „Gain-of-Function“-Forschung in Wuhan – ein seit Jahren zwischen beiden umstrittener Vorwurf, für den Paul nach CNN-Angaben bislang keine Beweise vorgelegt hat und den Fauci wiederholt zurückweist – bleibt davon unberührt.
Credits: Screenshot Wikipedia-Video
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