Ein Interview in der Kronenzeitung hat eine ungewöhnlich scharfe Koalitionsdebatte ausgelöst. Im Zentrum: die Frage, ob Österreich ab 2035 ohne funktionierende Luftwaffe dasteht — und wer dafür zahlen soll.
Was passiert ist
Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) ließ in einem Interview mit der Kronenzeitung aufhorchen: Er sehe keinen Spielraum für „zusätzliche Anschaffungen“ über das bereits Vereinbarte hinaus — und meinte damit ausdrücklich die Eurofighter-Nachfolge. Wie vienna.at und nachrichten.at berichten, reagierten ÖVP und Bundesheer mit ungewöhnlich scharfer Kritik.
ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti erklärte, das sei „nicht die Regierungslinie“ und fragte offen, ob es sich um Marterbauers Privatmeinung oder die Linie der SPÖ handle. FPÖ-Wehrsprecher Volker Reifenberger bezeichnete den Finanzminister laut militaeraktuell.at als „Sicherheitsrisiko“. Auch die Grünen schlossen sich der Kritik an.
Was das Bundesheer sagt
Generalstabschef Rudolf Striedinger wurde ungewöhnlich deutlich. Wie salzburg24.at und vienna.at berichten, erklärte er: „Wenn wir jetzt keine Nachbeschaffung einleiten, wird der österreichische Luftraum spätestens ab 2035 faktisch ungeschützt sein — das wäre ein Freifahrtschein für jede Bedrohung und jeden Angriff aus der Luft.“ Eine lückenlose Luftraumüberwachung ohne aktive Luftraumsicherung sei eine Illusion, und diese Fähigkeit könne Österreich derzeit ausschließlich mit den Eurofightern sicherstellen.
Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) beschwichtigt etwas: Laut nachrichten.at betonte sie, das technische System der Eurofighter bestehe noch bis 2035 — es sei also noch Zeit. Sie fordert aber gleichzeitig, die Sonderfinanzierung für die Nachfolge bereits jetzt in die Budget-Verhandlungen aufzunehmen.
Wozu ein neutrales Land Abfangjäger braucht
Die Frage klingt naiv, ist sie aber nicht. Österreichs Neutralität verpflichtet das Land ausdrücklich zur eigenständigen Landesverteidigung — ohne Beistand durch Bündnispartner. Wer den eigenen Luftraum nicht kontrollieren kann, verliert faktisch einen wesentlichen Teil dieser Souveränität. Die aktuellen Eurofighter werden vor allem zur Luftraumüberwachung und zur Identifikation unbekannter Flugzeuge eingesetzt — sogenanntes Air Policing. Ohne diese Fähigkeit müsste Österreich bei unklaren Situationen im eigenen Luftraum schlicht tatenlos zusehen.
Hinzu kommt die veränderte Sicherheitslage: Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben zahlreiche neutrale Staaten ihre Verteidigungspolitik neu bewertet. Finnland und Schweden sind der NATO beigetreten. Österreich bleibt neutral — trägt damit aber alleine die Verantwortung für seinen Luftraum.
Das Budgetproblem ist real
Österreich befindet sich in einem EU-Defizitverfahren und kämpft mit einem strukturellen Budgetloch. Laut ÖVP-Generalsekretär Marchetti biete die nationale Ausweichklausel auf EU-Ebene jedoch Flexibilität, um Verteidigungsausgaben außerhalb der normalen Defizitregeln zu erhöhen. Wie hoch eine Eurofighter-Nachfolge kosten würde, ist öffentlich nicht beziffert — klar ist, dass ein modernes Kampfflugzeugprogramm für eine Kleinstflotte im niedrigen einstelligen Milliardenbereich liegen dürfte.
Marterbauers Position ist jedoch auch sachlich vertretbar: Der Bedarf ist real, aber nicht akut. Die Entscheidung muss nicht heute fallen — die Beschaffung selbst allerdings schon relativ bald, da zwischen Ausschreibung, Vergabe und Auslieferung meist zehn oder mehr Jahre liegen.
Das Schweizer Modell als Referenz
Die Schweiz — ebenfalls neutral — hat 2024 mit der Beschaffung von 36 F-35A begonnen, finanziert über ein Sonderbudget. Auch die Schweiz hatte lange innenpolitische Debatten um die Kosten, entschied sich am Ende aber für die Nachbeschaffung — mit dem Argument, dass Luftraumkontrolle eine Kernaufgabe staatlicher Souveränität sei.
Eine Luftwaffe ist damit kein Luxus für neutrale Staaten — aber die Frage, wann und wie man sie finanziert, bleibt eine legitime politische Entscheidung. Der Streit zwischen ÖVP und Marterbauer ist also weniger ein Sicherheitsstreit als ein Budgetstreit mit sicherheitspolitischen Implikationen.
Quellen:
- Kronen Zeitung / APA: Marterbauer-Interview zur Eurofighter-Nachfolge (März 2026)
- vienna.at / APA: ÖVP kritisiert Marterbauer wegen Eurofighter-Nachfolge (21.03.2026) — vienna.at
- nachrichten.at / APA: Aussagen über Abfangjäger: Scharfe ÖVP-Kritik an Marterbauer (21.03.2026) — nachrichten.at
- salzburg24.at: Hitziger Streit um neue Eurofighter: Ist unser Luftraum bald ungeschützt? (22.03.2026) — salzburg24.at
- militaeraktuell.at: Kommentar zu Marterbauers „Nein“ zur Eurofighter-Nachfolge (21.03.2026) — militaeraktuell.at
- Presse am Sonntag: Interview mit Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (März 2026)
Credits: APA
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