Ein Kommentar von Herausgeber Markus Posset
Die Geschichte wiederholt sich selten eins zu eins. Doch wer die aktuellen Proteste in Albanien verfolgt, fühlt sich unweigerlich an jene gesellschaftlichen Spannungen erinnert, die einst den Nährboden für die Französische Revolution bildeten. Immer dann, wenn große Teile der Bevölkerung den Eindruck gewinnen, dass politische Eliten und wirtschaftliche Interessen enger miteinander verbunden sind als mit den Sorgen der Bürger, beginnt das Vertrauen in staatliche Institutionen zu bröckeln.
Genau dieser Eindruck scheint sich derzeit in Albanien zu verfestigen. Viele Demonstranten werfen der politischen Führung vor, die Interessen internationaler Investoren über jene der eigenen Bevölkerung zu stellen. Ob diese Vorwürfe berechtigt sind, müssen unabhängige Institutionen und letztlich die Geschichte beurteilen. Tatsache ist jedoch, dass die Unzufriedenheit auf den Straßen sichtbar wächst.

Foto: Markus Posset und David Tschikof, Geschenk an Edi Rama
Ja, Edi Rama war mir damals persönlich sympathisch und er hatte Charisma. Ich schenkte ihm ein Gemälde und widmete ihm sogar eine Biografie.
Rückblickend zeigt dies, wie positiv mein Blick auf ihn und seine politische Rolle einst war. Doch persönliche Sympathie darf niemals den Maßstab für eine politische Bewertung bilden. Politisch trat Rama strategisch, autoritär und zugleich berechenbar auf – Eigenschaften, die ihm eine außergewöhnlich lange Amtszeit ermöglichen, gleichzeitig aber auch die Spaltung innerhalb der Gesellschaft vertieften.
Für mich persönlich war bereits vor längerer Zeit erkennbar, dass das politische System rund um Premierminister Edi Rama, sein enges Umfeld in der Regierung sowie internationale Freunde wie Jared Kushner und Alex Soros langfristig vor erheblichen Herausforderungen stehen würden. Reformen, personelle Wechsel oder juristische Verfahren gegen ehemalige Weggefährten reichen nicht aus, wenn ein bedeutender Teil der Bevölkerung das Vertrauen in die politische Führung verloren hat.
Mein Abschied als Honorarkonsul
Meine Sicht auf Albanien war stets von großer Sympathie geprägt. Als Unternehmer und ehemaliger Honorarkonsul der Republik Albanien in Österreich war es mein Ziel, die Schönheit des Landes, seine Kultur, seine Kunst und vor allem seine Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Gemeinsam mit zahlreichen engagierten Persönlichkeiten und Medienvertretern ist es gelungen, Albanien als eine der attraktivsten Urlaubsdestinationen Europas zu positionieren.
Auch zahlreiche österreichische Unternehmen konnten erste wirtschaftliche Kontakte nach Albanien knüpfen. Gleichzeitig gewann ich zunehmend den Eindruck, dass wirtschaftliche Entscheidungen nicht immer nach den Maßstäben getroffen werden, die man aus etablierten europäischen Demokratien kennt. Dieser Eindruck sowie die Ernennung des umstrittenen albanischen Botschafters Fate Velaj in Wien waren letztlich ausschlaggebend dafür, dass ich meine Funktion als Honorarkonsul zurücklegte.
Ramas Interventionsversuch gegen den „Spiegel“
Nach einem kritischen Artikel des deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel im Oktober 2024, verfasst von Walter Mayr unter dem Titel „Hofieren Europas Regierungschefs den Falschen?“, kam es zu einer bemerkenswerten Begegnung. In Anwesenheit zweier österreichischer Geschäftsleute (Bahri Troya u. David Tschikof) sprach mich Premierminister Edi Rama persönlich auf den Beitrag an und brachte seinen Unmut über die Berichterstattung deutlich zum Ausdruck.
Der Artikel zeichnete das Bild eines Regierungschefs, der im Westen unter anderem wegen seiner Rolle in der europäischen Migrationspolitik geschätzt werde, dessen Kritiker ihm jedoch vorwerfen, Albanien in Richtung eines zunehmend autoritären und von Drogengeldern beeinflussten Systems geführt zu haben.
Für mich war dies ein weiterer Beleg dafür, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich wollte nicht länger Teil eines Systems sein, dessen Entwicklung ich zunehmend kritisch sah. Aus diesem Grund war ich auch nicht bereit, im Zusammenhang mit dem kritischen Spiegel-Artikel im Sinne der politischen Führung für Edi Rama zu intervenieren.
Albanien sind die Menschen – nicht die Politiker
Dabei möchte ich eines klar festhalten: Meine Kritik richtet sich nicht gegen Albanien. Im Gegenteil.
Ich liebe dieses Land. Ich schätze die Gastfreundschaft seiner Menschen, seine Kultur, seine Geschichte und die vielen unabhängigen Unternehmer, die mit harter Arbeit zum Fortschritt des Landes beitragen.
Gerade deshalb beobachte ich die aktuellen Entwicklungen mit großer Sorge.
Ohne freie Medien gibt es kein freies Albanien
Als Medienökonom, Herausgeber und Medienexperte möchte ich an dieser Stelle auch an die Medien sowie an die politischen Verantwortungsträger appellieren. Freie Medien sind die vierte Gewalt in einem demokratischen Rechtsstaat. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, Sprachrohr der Mächtigen zu sein oder sich von politischen Interessen vereinnahmen lassen. Ebenso wenig dürfen sie aus Angst vor Konsequenzen schweigen, wenn Missstände sichtbar werden.
Gerade in Zeiten gesellschaftlicher und politischer Umbrüche braucht es Journalisten, Verleger und Medienschaffende, die Mut, Anstand und Haltung zeigen. Deshalb richte ich einen Appell an die Medien Albaniens: Setzt euch mit Unabhängigkeit, Integrität und Verantwortungsbewusstsein für die Zukunft eures Landes ein.
Denn ohne Medienfreiheit gibt es keine echte Demokratie. Wenn kritische Stimmen nicht mehr gehört werden, wenn Fragen nicht mehr gestellt und Debatten nicht mehr geführt werden dürfen, verlieren Worte ihre Wirkung und politisches Handeln ihre Kontrolle. Eine freie Gesellschaft braucht freie Medien – als Stimme der Bürger, als Korrektiv der Macht und als unverzichtbare Säule eines modernen demokratischen Staates.
Die Warnsignale aus Tirana
Besonders kritisch sehe ich die diplomatische Vertretung Albaniens im Ausland, allen voran in Österreich. Die Ernennung von Edi Ramas Vertrautem Fate Velaj, zum Botschafter, begegnete ich von Beginn an mit großer Skepsis. Der aus Vlora stammende ehemalige Elektriker galt nicht als klassischer Diplomat, was bereits damals Diskussionen auslöste. Hinzu kamen politische und gesellschaftliche Aktivitäten seines Umfelds und der Diaspora in Österreich, die bei Beobachtern wiederholt Fragen aufwerfen.
Unabhängig davon stellt sich die Frage, ob Personalentscheidungen dieser Art dem Ansehen Albaniens und seiner diplomatischen Vertretung tatsächlich dienen. Ob die geäußerte Kritik berechtigt ist, wird letztlich die Öffentlichkeit selbst beurteilen.
Die entscheidende Frage lautet jedoch: Erkennt die politische Führung in Tirana die Warnsignale nicht?
Denn keine Regierung ist stärker als das Vertrauen ihrer Bürger.
Ein friedlicher Neuanfang unter neuer Führung?
Sollte Albanien tatsächlich vor einem politischen Neuanfang ohne Rama stehen, dann muss dieser friedlich, demokratisch und rechtsstaatlich erfolgen. Nicht Rache darf das Ziel sein, sondern Verantwortung.
Wer nachweislich gegen Gesetze verstößt oder dem Land Schaden zugefügt hat, muss sich vor unabhängigen Gerichten verantworten. Wer unschuldig ist, verdient Schutz vor politischen Kampagnen und Vorverurteilungen.
Nur auf dieser Grundlage kann ein modernes Albanien entstehen: frei, demokratisch, europäisch und zugleich stolz auf seine eigene Identität.
Die Menschen Albaniens haben ein solches freies, demokratisches und unabhängiges Albanien verdient.
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