„Absolut orchestriert“: Lettland entdeckt ersten Migranten-Tunnel

„Absolut orchestriert“: Lettland entdeckt ersten Migranten-Tunnel

Nächtliche Aufnahmen von durchnässten, erdverschmierten Migranten in einem Waldstück, ein frisch ausgehobenes Loch unter dem Grenzzaun: Der lettische Grenzschutz hat erstmals einen Geheimtunnel entdeckt, der Belarus mit dem EU- und NATO-Staat Lettland verbindet. Für Experten ist der Fund Teil eines größeren Musters – hybride Kriegsführung mit Migranten als Werkzeug.

Ein Tunnel, viele Vorgeschichten

Es war das erste Mal, dass in Lettland ein solcher unterirdischer Grenzgang entdeckt wurde – in Litauen gab es zuletzt bereits mehrere Fälle, auch Polen war betroffen. Der lettische Militäranalyst Mārtiņš Vērdiņš hält es für „absolut“ ausgeschlossen, dass die Tunnel ohne Duldung der belarussischen Behörden ausgehoben wurden: „Das ist orchestriert“, sagt er der „Presse“. Bereits 2021 hatte der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko eine geopolitische Krise entfacht, indem er gezielt Migranten aus anderen Weltregionen an die litauische Grenze schleuste – damals reagierte Litauen unter anderem mit Pushbacks, was scharfe Kritik von Menschenrechtsorganisationen nach sich zog, und errichtete Grenzzäune. Wie damals geraten Migranten aus Afrika und Asien nun erneut in die Mühlen der Geopolitik.

Die Zahlen zeigen eine deutliche Verschärfung

Dass sich die Lage zuletzt verschlechtert hat, belegen auch die nackten Zahlen. Nach Angaben der lettischen Behörden wurden heuer bereits 9.675 Menschen daran gehindert, die Grenze aus Belarus irregulär zu überqueren. Im gesamten Vorjahr waren es 12.046, 2024 lediglich 5.388 Fälle. Zum Vergleich: 2020, vor Beginn der Krise, registrierte die europäische Grenzschutzagentur Frontex auf der gesamten Belarus-Route insgesamt nur 800 Fälle.

Von der Leiter zum Tunnel

Bislang versuchten Migranten meist, den Grenzzaun mit selbst gebauten Leitern zu überwinden oder ihn mit Metallscheren aufzuschneiden. Nun kriechen sie zunehmend durch unterirdische Gänge. Litauens Grenzschutz registrierte heuer bereits zwölf Versuche, die Grenze auf diesem Weg zu überwinden – allein in den vergangenen Wochen wurden drei unfertige Tunnel entdeckt. Der jüngste Geheimgang lag rund eineinhalb Meter tief und war mit Brettern und Baumstämmen verstärkt.

Zunehmend aggressives Auftreten

Laut Vērdiņš mehren sich zudem Hinweise, dass Migranten aggressiver auftreten – als generellen Trend lässt sich das zwar nicht bestätigen, doch der Experte verweist auf einen konkreten Vorfall Ende Juli in Litauen. Nach einem Bericht des Portals „Delfi“ hatten vier Grenzschützer an einem Tunnel zunächst mehrere Migranten festgesetzt und ihnen Handschellen angelegt. Daraufhin sollen rund 20 weitere Migranten die Beamten attackiert haben, ehe sie zurück nach Belarus flohen. Litauens Behörden machten den Angriff zunächst nicht öffentlich.

„Die Bevölkerung einschüchtern“ – vor der Wahl im Oktober

Dass ausgerechnet Vērdiņš‘ Heimatland Lettland verstärkt ins Visier gerät, hält der Analyst für keinen Zufall: Im Oktober stehen dort Wahlen an. Die verstärkten hybriden Aktionen sollen aus seiner Sicht dazu dienen, „die Bevölkerung einzuschüchtern“ und den Staat zu schwächen. Lettland gilt aus Sicht des Kreml als lohnendes hybrides Ziel – rund ein Viertel der Bevölkerung gehört der russischen Minderheit an.

„Operation Werwolf“ als Antwort

Als Reaktion auf den Tunnelfund kündigte die lettische Regierung die Operation „Werwolf“ an. Der martialische Name täuscht dabei über den eigentlichen Inhalt hinweg: Vorgesehen ist eine verstärkte Grenzsicherung, auch mit technischen Mitteln – wobei nicht auszuschließen ist, dass dabei auch der bevorstehende Wahlkampf eine Rolle spielt. Vērdiņš fordert grundsätzlich mehr militärische Unterstützung für den Grenzschutz: „Der Grenzschutz ist für Friedenszeiten konzipiert. Aber ein hybrider Krieg ist auch ein Krieg.“

Sorge vor einer größeren Provokation

Der erhöhte Migrationsdruck fällt zeitlich mit weiteren hybriden Bedrohungen zusammen: Immer wieder wird das Baltikum Ziel von Sabotageakten, Luftraumverletzungen und Cyberangriffen. Erst in dieser Woche erneuerten baltische und polnische Vertreter ihre Warnungen vor einer möglichen größeren Provokation Russlands in der Region – demnach erwäge Moskau, mithilfe abgefangener ukrainischer Drohnen einen Angriff unter falscher Flagge zu inszenieren. Als Reaktion darauf wurde diese Woche der Schutz von Staudämmen, Kraftwerken und Erdgasinfrastruktur verstärkt. Vērdiņš selbst zeigt sich zwar eher skeptisch, dass tatsächlich eine größere Provokation unmittelbar bevorsteht, mahnt aber: „Man muss darauf vorbereitet sein.“

Credits: Bild mit KI erzeugt

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