Verhandlungen sind nicht in Sicht, an der Front kaum Bewegung – und trotzdem mehren sich die Warnzeichen, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine in eine gefährlichere Phase eintritt. Eine Analyse der Nachrichtenagentur APA zeichnet ein Bild aus wachsendem wirtschaftlichem Druck auf Moskau, intensivierten Angriffen im Hinterland beider Seiten und einem Kremlchef, der auf Eskalation statt Kompromiss zu setzen scheint.
Kaum Bewegung an der 1.200-Kilometer-Front
Entlang der Frontlinie gibt es seit Monaten nur wenig Veränderung, wie oe24 unter Berufung auf die APA berichtet. Militärbeobachter des ukrainischen Portals DeepState, das dem Verteidigungsministerium in Kiew nahesteht, räumen seit Jahresbeginn dennoch Gebietsverluste von mehr als 700 Quadratkilometern ein. Präsident Wolodymyr Selenskyj hält dagegen, seine Truppen hätten etwa die gleiche Fläche an anderer Stelle zurückerobert. Nach der weitgehenden Einnahme von Kostjantyniwka konzentriert sich das russische Militär nun vor allem auf die Städte Slowjansk, Kramatorsk und Druschkiwka im Gebiet Donezk – große Frontdurchbrüche verhindern dabei weiterhin erfolgreich ukrainische Drohnenpiloten. Der Militärexperte Dmitri Kusnez vom kremlkritischen Onlineportal „Meduza“ hält beim aktuellen Tempo eine vollständige Eroberung des Donbass durch Russland heuer für unwahrscheinlich – 2027 aber durchaus für möglich.
Ölraffinerien in Flammen, Häfen blockiert
Deutlich sichtbarer ist die Eskalation abseits der Front: Ukrainische Drohnen treffen seit Wochen wiederholt Ölraffinerien sowie Logistikzentren des größten russischen Online-Versandhändlers Wildberries – mit wirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe, die Moskaus Kriegswirtschaft direkt treffen. Russland verliert dadurch Einnahmen aus dem Ölexport, das Haushaltsdefizit wächst, viele Menschen klagen über Benzinknappheit, und der Rubel ist derzeit so schwach wie seit Monaten nicht mehr. Weniger sichtbar, aber ebenso folgenreich sind die Angriffe auf die Schifffahrt: Mehr als 200 Tanker und Frachter wollen ukrainische Drohnentruppen nach eigenen Angaben seit dem 6. Juli beschädigt haben. Umgekehrt führten russische Raketen- und Drohnenangriffe auf Schiffe, die ukrainische Schwarzmeerhäfen anliefen, zu einer Einstellung des für Kiews Getreideexport zentralen Seehandels.
Ein Kalkül mit begrenzter Wirkung
Ob die Ukraine mit dieser Strategie ihre eigentlichen Ziele erreicht, bleibt fraglich. Selenskyjs erklärtes Ziel ist es, den Krieg „nach Russland zurückzutragen“ – ein Vorgehen, das vor allem psychologisch wirkt, unter anderem durch eindrucksvolle Bilder von Großbränden, die sich in sozialen Netzwerken verbreiten. Stärkere Auswirkungen auf die eigentliche Logistik des russischen Militärs sind bislang aber nicht bekannt geworden. Auch der erhoffte Effekt, Putin durch militärischen Druck an den Verhandlungstisch zu zwingen, scheint bislang auszubleiben: Das unabhängige russische Meinungsforschungsinstitut Lewada registrierte zuletzt sogar wieder eine steigende Zahl an Menschen, die eine Fortsetzung des Krieges befürworten – wenngleich weiterhin mehr als die Hälfte der Russen Friedensverhandlungen wünscht. „Druck bewirkt keine Änderung der Position Putins“, sagt die Politikexpertin Tatjana Stanowaja. Hoffnungen, dass innere Probleme in Russland den Kremlchef zur Einsicht bei seinen Kriegszielen bewegen würden, hätten sich nicht erfüllt.
Moskau demonstriert Stärke – trotz ausbleibender Kriegsziele
Der russische Machtapparat räumt zwar Probleme ein, betont aber, die Lage sei unter Kontrolle. Putin selbst, der sich zuletzt in Militäruniform auf einem Kriegsschiff zeigte, demonstriert bei jeder Gelegenheit Siegessicherheit – obwohl seine ursprünglichen Kriegsziele auch im fünften Jahr der Invasion in weiter Ferne liegen. Bei massiven Angriffen vor allem auf Kiew und Umgebung setzt Moskau zuletzt verstärkt ballistische Raketen ein und nutzt dabei die Schutzlosigkeit der Ukraine gegen diese Waffengattung aus. Weil zuletzt keine einzige ballistische Rakete mehr abgefangen werden konnte, macht die ukrainische Luftwaffe mittlerweile keine Angaben mehr zur Zahl der abgefeuerten russischen Raketen. Als besonders wirksam gelten dabei US-Patriot-Systeme – Selenskyj beklagt jedoch ausbleibende Lieferungen durch westliche Verbündete.
Eine Scheinwahl als Legitimation für mehr Krieg
Ein weiterer Faktor auf dem Weg zur befürchteten Eskalation ist die russische Parlamentswahl vom 18. bis 20. September. Nach dem Ausschluss der Antikriegs-Partei Jabloko sind nur noch kremltreue Parteien zugelassen, die Russlands Invasion befürworten – Oppositionelle kritisieren den Urnengang bereits im Vorfeld als Farce. Erstmals eingebunden werden dabei auch die von Russland besetzten Teile der annektierten ukrainischen Regionen Luhansk, Donezk, Cherson und Saporischschja. Den absehbaren Sieg der Kremlpartei Geeintes Russland dürfte Putin als Legitimation nutzen, den Krieg fortzusetzen und den Einsatz zu erhöhen. „Putin ist so sehr darauf fixiert, die Ukraine um jeden Preis in die Knie zu zwingen, dass dies alle innenpolitischen Probleme in den Hintergrund drängt“, schreibt Stanowaja in einer Analyse für die Denkfabrik Carnegie.
„Eine neue Phase“ mit wachsenden Risiken
Besonders alarmierend ist Stanowajas grundsätzliche Einschätzung der Kreml-Logik: Auf wachsenden Druck – auch aus dem Westen – reagiere Putin nur noch radikaler. „Der Krieg Russlands gegen die Ukraine tritt in eine neue Phase“, so die Expertin. Diese neue Qualität führe zu „einer allgemeinen Eskalation, einer geringeren Vorhersehbarkeit und wachsenden Risiken einer noch größeren geografischen Ausdehnung des Konflikts“. Sowohl Putin als auch Selenskyj haben ihren Truppen unterdessen neue Kommandeure zugeteilt, die das weitere Kriegsgeschehen maßgeblich bestimmen sollen.
Credits: Kremlin.ru, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=123219163
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