Kolumne: Warum „woke“ mehr spaltet als verbindet und eigentlich nicht Links ist

Kolumne: Warum „woke“ mehr spaltet als verbindet und eigentlich nicht Links ist

Es klingt auf den ersten Blick edel: Woke, also „wach“ sein für Diskriminierung, Ungerechtigkeit, Unterdrückung. Doch die Praxis zeigt etwas anderes. Die sogenannte Wokeness schafft keine Brücken, sie baut Zäune.

Links bedeutete einmal, dass alle Menschen gleiche Rechte haben sollten – egal, woher sie kommen, wie sie aussehen oder wen sie lieben. Der Universalismus war das Herzstück: Gerechtigkeit für alle. Doch genau dieser Kern ist in der Woke-Bewegung verschwunden. Wie auch die Philosophin Susan Neiman erklärt, hat Wokeness die großen Ideale der Linken – Universalismus, Gerechtigkeit, Fortschritt – über Bord geworfen.

Statt zu verbinden, sortiert woke Menschen in Gruppen, Identitäten, Opfer- und Täterrollen. Jeder gehört einem Tribe an, und zwischen den Tribes verlaufen Frontlinien, keine Solidarität. Die alte Linke sagte: „Wir sitzen alle im gleichen Boot.“ Die Woken sagen: „Du ruderst auf der falschen Seite.“

Das Ergebnis ist eine Moralpolizei, die nicht mehr gegen Ungerechtigkeit im Großen kämpft, sondern gegen falsche Worte im Kleinen. Aus der Frage, wie man gemeinsam für faire Löhne streiten kann, wird die Frage, ob ein Gedicht aus dem Regal entfernt werden muss.

Solidarität wird ersetzt durch Sprachhygiene. Wer falsch spricht, steht draußen – auch wenn er im Kern für dieselbe Sache kämpfen würde.

Diese neue Art der Politik ist für die Mächtigen geradezu ideal. Eine Linke, die sich selbst in kleine Gruppen aufspaltet, führt keinen Klassenkampf mehr, sondern interne Kulturkriege. Der Kapitalismus kann sich entspannt zurücklehnen, während unten gestritten wird, wer welche Rolle im moralischen Theater spielen darf. Wokeness ist das bunte Bühnenprogramm, während im Hintergrund dieselben grauen Männer die Gewinne zählen.

Was bleibt: Woke gibt vor, mehr Gerechtigkeit zu schaffen. In Wahrheit sorgt es dafür, dass weniger Menschen Schulter an Schulter kämpfen. Statt Gemeinsamkeit entsteht eine permanente Identitätsschlacht – mit unklarer Front und klarer Verliererseite: der Solidarität.

Credits: APA

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