Die Tricks der Vertuscher: Wie wir das Grauen von Graz schnell vergessen sollen

Die Tricks der Vertuscher: Wie wir das Grauen von Graz schnell vergessen sollen

Keine Namen und kaum Fotos der Opfer, ein falsches Motiv und keine Nennung der richtigen Spuren in die kranke Welt des Serienmörders Artur A. – diese Strategie von Exekutive und Politik ist nicht neu: Schon beim ersten großen Terroranschlag in Graz vor zehn Jahren wurde so vorgegangen. Wir sollen das Grauen nicht personifizieren, alles schnell vergessen – sonst könnten wir ja noch mehr über das Versagen der Politik nachdenken.

Das wäre ja alles so extrem schrecklich, wenn ein Medium auch über die Opfer des Serienmörders von Graz berichten würde – das trommeln Politiker und gewisse Mainstream-Medien, die viel Geld von den Erstgenannten bekommen, damit sie nicht komplett in die Pleite schlittern. Die erst vor 16 Tagen ermordeten Hana, Lea, etc. hatten Freunde, Geschwister, Eltern, die ohnehin wissen, was im BORG Dreierschützengasse binnen weniger Minuten passiert ist. Die Gesichter und die Lebensgeschichten all der Opfer würden uns noch weit mehr zeigen, wie dramatisch das Versagen der Politik, eines zivilen Sachverständigen und des familiären Umfelds des Täters war.

Natürlich würden wir noch mehr Fragen stellen, wenn wir emotional an den unfassbaren Verlusten der Eltern der erschossenen Teenager teilhaben könnten. Und wir alle würden uns nicht mit einer hingerotzten Novelle zum Waffenrecht abspeisen lassen, sondern auf echte Problemlösungen drängen: Was läuft da im Dunkel der Horror-Spielszene im Web ab? Hatte der Täter Spielpartner, die ihn zur grausamen Bluttat aufgestachelt haben? Warum ist in seinem Elternhaus niemandem aufgefallen, dass in seinem Zimmer eine abgesägte Schrotflinte liegt? Und wie konnte der psychologische Sachverständige in Graz ein derart falsches Gutachten ausstellen, damit Artur A. überhaupt zu einer halbautomatischen Glock-Pistole gekommen ist?

All diese unangenehmen Fragen sollen nicht mehr gestellt werden – und an die acht erschossenen Schülerinnen und Schüler sowie an die beiden Lehrer soll auch nicht mehr erinnert werden. Keine Bilder, keine öffentlichen Erinnerungen, nichts Persönliches von den Opfern. Deckel drauf. Es ist passiert. Das Leben geht weiter. Wir sollen das Grauen von Graz rasch vergessen, und keine Bilder davon im Kopf speichern.

Die Blitz-Vertuschung – schon einmal hat das in Graz funktioniert

Und dieses Modell der Blitz-Vertuschung hatten wir schon einmal: Ebenfalls in Graz, am 20. Juni 2015, also vor fast genau zehn Jahren. Auch damals war gleich ein Motiv verkündet – es sei eine Amokfahrt gewesen. Eines Christen. Ein Irrer eben. Akt zu, Thema erledigt. Als dann Recherchen zeigten, dass der Serienmörder Alen R. vor seiner Todesfahrt auch eine Frau niedergestochen hat, dass Alen R. ein bosnischer Migrant war, der wöchentlich die Moschee besucht hat, dass er Social-Media-kontakte zu islamistischen Gruppen in Syrien hatte, dass Allahu-Akbar-Rufe vernommen worden seien – dann war zwar die Wahrheit bekannt, aber es war schon egal: Die Vertuscher hatten schon zuvor ganze Arbeit geleistet.

Auch jetzt, wieder in Graz, wird ein falsches Motiv nur Minuten nach der Bluttat im BORG an die Medien weitergegeben, es sei „Rache für Mobbing“ gewesen – und „die Waffen“ seien schuld. Schnell und einfach. Zu einfach – und fast jeder hat es bemerkt. Doch der Trick geht wieder auf: Nur noch wenige Medien wie report24.news oder exxtra24 graben weiter nach den wahren Hintergründen, die den 21-jährigen Arbeitslosen zum Serienmörder machten.

Vielleicht lassen diesmal auch engagierte Mitarbeiter des Landeskriminalamts nicht locker, bis sie wirklich alles wissen – und so vielleicht Vorzeichen erkennen können, wenn der nächste Gewalttäter seine PC-Morde im Web auch in der Realität umsetzen will. Denn das könnte wirklich viele Leben retten.

Parmenion

Credits: Screenshots X

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