Während die Politik noch erbittert über Spitalskosten streitet, sprechen die nackten Zahlen eine deutliche Sprache: Die Wiener Wartezimmer sind gesteckt voll – und zwar mit Landsleuten aus dem Umland. Neue Daten decken jetzt auf, wie massiv der „Patienten-Tourismus“ in den Arztpraxen wirklich ist.
Es sind Zahlen, die aufhorchen lassen: Wer in Wien im Wartezimmer sitzt, hat statistisch gesehen oft eine längere Anreise hinter sich. Wie oe24 unter Berufung auf Daten des Dachverbandes der Sozialversicherungsträger berichtet, wohnten im Jahr 2024 satte 32 Prozent aller Patienten, die eine Wiener Arztpraxis aufsuchten, gar nicht in der Bundeshauptstadt, sondern in Niederösterreich.
Fast eine Million Pendler-Patienten
Die Dimensionen sind gewaltig. Insgesamt ließen sich laut dem Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) im Jahr 2024 fast drei Millionen Menschen in Wien im niedergelassenen Bereich behandeln. Doch der Wohnsitz vieler Kranker liegt jenseits der Stadtgrenze. Allein aus Niederösterreich strömten rund 950.000 Personen zu Wiener Ärzten, wie auch der Standard analysiert.
Das bedeutet im Klartext: Mehr als jeder zweite Niederösterreicher, der einen Kassenarzt braucht, fährt dafür lieber nach Wien. Konkret suchen 59 Prozent der Bewohner des Nachbarbundeslandes medizinische Hilfe in der Metropole. Aus dem Burgenland ist der Andrang vergleichsweise moderat: Hier waren es „nur“ gut 121.900 Menschen, die den Weg nach Wien auf sich nahmen.
Überraschung im Rathaus: Hacker bleibt gelassen
Man könnte meinen, diese Massenwanderung würde im Wiener Rathaus für Schnappatmung sorgen. Doch weit gefehlt. Wie der ORF berichtet, übt man im Büro von Peter Hacker daran gar keine Kritik. Der Grund ist simpel und liegt im Geldbeutel: Im niedergelassenen Bereich zahlt nicht die Stadt Wien die Rechnung, sondern die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK).
Für die Stadtverantwortlichen ist dieser Ansturm sogar ein Beweis für die „Leistungsfähigkeit des Systems“, wie gegenüber den Medien betont wurde. Solange die Kasse zahlt, sind die Gäste aus dem Umland in den Ordinationen also kein politisches Problem.
Der wahre Zoff tobt in den Spitälern
Ganz anders sieht die Stimmungslage jedoch aus, wenn es um die Wiener Spitäler geht. Hier herrscht seit Monaten dicke Luft zwischen Wien und Niederösterreich. Wien will den Zustrom von Gastpatienten für planbare Operationen eindämmen.
Der Vorwurf aus Wien wiegt schwer: Man bleibe auf Millionen-Kosten sitzen, während sich die umliegenden Bundesländer einen schlanken Fuß machen würden. Die Statistik scheint Hacker recht zu geben: Wien, Tirol und Salzburg haben die höchste Dichte an Spitalsärzten und müssen finanziell mehr stemmen. In Niederösterreich und dem Burgenland hingegen gibt es deutlich weniger Spitalsärzte – diese Länder profitieren laut Wiener Lesart massiv von der Versorgung durch die Nachbarn.
Ruf nach neuen Gesundheitsregionen
Um das Dauer-Drama zu beenden, plädiert Wien nun für eine Revolution der Landkarte. Statt stur an Bundesländergrenzen festzuhalten, sollen „Gesundheitsregionen“ her. Ein Modell könnte Wien, Niederösterreich und das Nordburgenland zu einer gemeinsamen Planungszone verschmelzen. Ob sich die Landeshauptleute darauf einigen können, bleibt jedoch fraglich. Bis dahin werden die Wartezimmer in Wien wohl weiterhin gut gefüllt bleiben – mit Patienten von diesseits und jenseits der Stadtgrenze.
Quellen: oe24, ORF, Der Standard, Die Presse, NÖN
Credits: APA
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