Die Türkei sucht Religionslehrer und Imame für ganz Europa – und wirbt dafür auch gezielt junge Menschen in Österreich an. Ausgewählt und empfohlen werden sie vom Religionsapparat des türkischen Staates, ausgebildet in der Türkei. Laut “Kronen Zeitung” sollen sie danach in Europa unterrichten und predigen – auch bei uns. Für den steirischen ÖVP-Klubobmann Lukas Schnitzer ist das ein Einfallstor für den politischen Islam. Seine Forderung ist unmissverständlich: Wer in Österreich predigt oder Kinder unterrichtet, muss in Österreich ausgebildet sein.
Der Staat als Personalbüro
Hinter dem Programm steht die Diyanet, das türkische Präsidium für religiöse Angelegenheiten. Eine Staatsbehörde, die direkt dem Präsidenten untersteht – also Recep Tayyip Erdoğan. Ihr “Internationales Theologieprogramm” richtet sich laut der offiziellen deutschsprachigen Broschüre für 2026 an junge Menschen, die ihre Matura außerhalb der Türkei gemacht haben. Studiert wird an theologischen Fakultäten in Ankara, Istanbul und anderen türkischen Städten. Der entscheidende Punkt ist aber der Weg dorthin: Wer sich aus Österreich bewirbt, wendet sich nicht an eine Universität, sondern an den Religionsattaché der türkischen Botschaft. Dazu braucht es ein Empfehlungsschreiben des örtlichen Imams. Wie die “Krone” berichtet, werden außerdem ein österreichischer Pass und Koranwissen verlangt. Auf diesem Weg gilt also: Ohne den Segen des türkischen Staates kein Studienplatz.
Kein harmloser Apparat
Dass dieser Apparat mehr betreibt als Seelsorge, ist dokumentiert. Laut einer wissenschaftlichen Untersuchung im “European Journal of Turkish Studies” berichtete der Religionsattaché der türkischen Botschaft in Wien vor einigen Jahren an die Diyanet-Zentrale in Ankara über Aktivitäten von Anhängern der Gülen-Bewegung in Österreich – jener Gruppe, die Erdoğan für den Putschversuch 2016 verantwortlich macht. Dieselbe Behörde entscheidet nun mit, wer ein Studium beginnen darf, das in österreichische Klassenzimmer und Moscheen führen kann.
“Tür und Tor für Radikale”
Schnitzer findet dafür klare Worte.
“Mit dieser Vorgehensweise wird nicht nur die universitäre Ausbildung untergraben, sondern öffnet auch Tür und Tor für Radikale und den politischen Islam”, erklärt er.
“Wer in Österreich predigt oder gar junge Menschen unterrichtet, muss seine Ausbildung in Österreich absolviert haben. Alles andere ist nicht mit Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit oder Integration vereinbar.”

Jeder dritte Religionslehrer
Wie groß das Thema in Österreich schon ist, zeigt eine Zahl, die Schnitzer der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) zuschreibt: Bereits ein Drittel der islamischen Religionslehrer hierzulande habe die Ausbildung im Ausland gemacht, vor allem in der Türkei. Für sie und für Imame fordert der ÖVP-Klubchef einen “Wertevertrag”, ein schriftliches Bekenntnis zum österreichischen Wertefundament. “Es dürfen über den Weg der Religionsvermittlung nicht ausländische Kräfte oder gar Staaten, die möglicherweise unsere Gesellschaft unterwandern wollen, das Sagen haben.”
Brüssel sagt Ja, SPÖ und Grüne Nein
Rückenwind für die Stoßrichtung kommt aus Brüssel, wenn auch zu einem verwandten Thema. Am 8. Oktober forderte das EU-Parlament mit 381 zu 167 Stimmen eine gemeinsame Strategie gegen islamistische Einflussnahme und die Netzwerke der Muslimbruderschaft. Die türkische Diyanet ist darin nicht Gegenstand, die Frage dahinter aber dieselbe: Wie viel Einfluss lässt Europa politischen Akteuren im Namen der Religion? Wie die namentliche Abstimmungsliste auf HowTheyVote.eu zeigt, stimmten alle fünf ÖVP-Abgeordneten dafür, ebenso beide NEOS-Mandatare und fünf der sechs FPÖ-Abgeordneten; FPÖ-Delegationsleiter Harald Vilimsky gab keine Stimme ab.
Geschlossen dagegen stimmten die SPÖ-Abgeordneten Elisabeth Grossmann, Evelyn Regner, Andreas Schieder und Günther Sidl sowie die Grünen Lena Schilling und Thomas Waitz, ihr SPÖ-Kollege Hannes Heide stimmte nicht ab. Eine Begründung für das Nein hat bisher niemand von ihnen geliefert. Dabei unterscheidet die Resolution ausdrücklich zwischen dem muslimischen Glauben und politischen Netzwerken.
Es ginge auch anders
Eine Ausbildung in Österreich gibt es längst. Die Universität Wien bietet seit 2017 Studien in islamischer Theologie und Religionspädagogik an, die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems bildet Lehrkräfte für den islamischen Religionsunterricht aus. Warum dennoch ein Drittel aus dem Ausland kommt, ist eine Frage, die sich die IGGÖ gefallen lassen muss – sie ist für die Religionslehrer zuständig, der Staat zahlt.
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