Nächster Abgang? Alle reden über Andreas Bablers Abgang. Doch wer über einen Neustart der SPÖ spricht, muss auch über Klaus Seltenheim reden. Warum sollte die politische Verantwortung ausgerechnet vor der Tür des Bundesgeschäftsführers enden?
Die Krise hat mehr als einen Verantwortlichen
Eine Partei verliert Vertrauen nicht allein durch ihren Vorsitzenden. Auch Organisation, Kommunikation und Wahlkampf entscheiden darüber, ob aus politischen Versprechen Stimmen werden. Genau deshalb gehört Klaus Seltenheims Bilanz auf den Tisch.
Seit Juni 2023 ist er Bundesgeschäftsführer der SPÖ, wie die Partei selbst in seinem Lebenslauf festhält. Er gehört damit zur Führung jener Sozialdemokratie, deren angekündigter Aufbruch längst einer Debatte über Rückzug und Ablöse gewichen ist.
Wer in dieser Position Erfolge für sich beansprucht, muss sich auch an Niederlagen messen lassen. Politische Mitverantwortung ist keine Garderobe, die man beim Verlassen einer Pressekonferenz abgeben kann.
Vom Aufbruch in Richtung vierten Platz
Schon Seltenheims Zeit als Landesgeschäftsführer in Niederösterreich liefert wenig Anlass für Erfolgserzählungen. Laut seiner offiziellen Biografie bekleidete er diese Funktion von April 2021 bis Februar 2023. Bei der Landtagswahl im Jänner 2023 erreichte die SPÖ nach den offiziellen Ergebnissen des niederösterreichischen Landtags nur 20,65 Prozent – nach 23,92 Prozent im Jahr 2018. Die FPÖ zog an ihr vorbei.
Danach folgte der Wechsel in die Bundesgeschäftsführung. Bei seiner Bestellung versprach Seltenheim laut damaliger SPÖ-Aussendung: „Von hier an geht’s bergauf.“
Die Wahlergebnisse sprechen eine deutlich andere Sprache: Laut Innenministerium kam die SPÖ bei der Europawahl 2024 mit 23,2 Prozent und bei der Nationalratswahl mit 21,1 Prozent jeweils nur auf Platz drei. In der aktuellen Umfrage liegt sie bei gerade einmal 14 Prozent – nur einen Prozentpunkt vor den Grünen. Ein historischer Tiefstand seit 1945 und ein politisches Armutszeugnis für die Führung um Andreas Babler und Klaus Seltenheim. Seltenheim trägt dafür nicht die alleinige Verantwortung. Doch als Bundesgeschäftsführer ist er mitverantwortlich für Strategie, Organisation und Wahlkämpfe. Wer in dieser Funktion Erfolge für sich beanspruchen würde, muss sich auch an Niederlagen messen lassen. Diese Bilanz verlangt Konsequenzen – keine Ausreden.
Ein Chat, der Seltenheims Rücktritt nahelegt
Zusätzlich steht eine brisante Darstellung aus der eigenen Partei im Raum: Nach Angaben der exxtra24-Redaktion berichtet ein niederösterreichischer SPÖ Landtagsabegordneter (Name der Redaktion bekannt) in einer WhatsApp-Mitteilung vom 2. September 2026, “Seltenheim habe ihm gegenüber persönlich erklärt, die Parteiorganisation mittlerweile völlig aufgegeben zu haben und sich nur noch auf soziale Medien zu konzentrieren”.
Sollte sie zutreffen, wäre das politisch schwerwiegend. Eine Partei lebt von Menschen, Ortsgruppen und Funktionären, von Gesprächen und Präsenz. Social Media kann diese Arbeit verstärken. Ein Instagram-Beitrag besucht aber keine Betriebsversammlung. Und ein Facebook-Like führt kein Gespräch am Gartenzaun.
Ein Bundesgeschäftsführer, der die Parteiorganisation tatsächlich aufgegeben hätte, müsste erklären, wie er seinen zentralen Auftrag noch erfüllen will.
Ein Neustart braucht Konsequenzen und neue Organisation
Seltenheim präsentierte Bablers schrittweisen Rückzug im ORF am 4. Oktober als geordnete Übergabe und betonte die Geschlossenheit der Partei. Doch eine geregelte Übergabe beantwortet noch keine einzige Frage nach der Verantwortung für die vorangegangene Entwicklung.
Die SPÖ braucht eine ehrliche Prüfung ihrer gesamten Führung. Dazu gehört der Bundesgeschäftsführer genauso wie der Parteivorsitzende.
Aus Sicht dieses Kommentars sollte Seltenheim den Weg für eine neue Bundesgeschäftsführung freimachen. Bereits die belegte Wahlkampfbilanz rechtfertigt diese Forderung – unabhängig davon, ob sich die Darstellung aus der WhatsApp-Mitteilung bestätigt.
Wer einen glaubwürdigen Neustart verspricht, muss auch personelle Konsequenzen dort ziehen, wo Organisation und Kampagnen verantwortet werden.
Nur Babler auszutauschen und den übrigen Führungsapparat weiterarbeiten zu lassen, wäre ein ausgesprochen bescheidener Begriff von Erneuerung.
Credits: Parlamentsdirektion, Thomas Topf
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