Gegen das Kopftuchverbot, gegen Kirchenaustritte aus Gewohnheit, für Respekt zwischen den Religionen: Kardinal Christoph Schönborn hat sich im großen „Heute“-Interview zu den Streitthemen rund um Islam und Kirche geäußert. Sein meistzitierter Satz richtet sich weniger an Muslime als an die eigenen Gläubigen.
Der Kardinal im Kloster
Seit Anfang 2025 ist der 81-Jährige als Wiener Erzbischof im Ruhestand, sein Nachfolger ist Josef Grünwidl. Schönborn lebt heute im Kloster der „Kleinen Schwestern vom Lamm“ in der Wiener Brigittenau, wo ihn „Heute“-Chefredakteur Clemens Oistric zum Gespräch traf. Die Messe feiert er weiterhin täglich, seine Funktionen im Vatikan hat er mit 80 Jahren abgegeben. Neu für ihn sei, selbst einkaufen zu gehen: „Andere Leute sind das von jung an gewöhnt.“
Kritik am Kopftuchverbot
Beim Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren, das seit Schulbeginn gilt, bleibt Schönborn bei seiner Ablehnung. „Weder ich noch die Lehrerinnen und Lehrer können entscheiden, was Zwang oder Freiheit ist“, sagte er. Er verglich das Kopftuch mit der Erstkommunion eines siebenjährigen Kindes oder der Kippa jüdischer Buben: „Meine persönliche Überzeugung ist: Da sollte sich der Staat möglichst wenig einmischen.“ Ein generelles Verbot religiöser Symbole wie in Frankreich lehnt er ab, dann dürfte er „nicht einmal mit einem kleinen Brustkreuz in die Schule gehen“. Er rechnet damit, dass der Verfassungsgerichtshof angerufen wird. Zugleich räumte er ein, dass „von muslimischer Seite in manchen Kreisen mehr Toleranz zu wünschen wäre“ – Christen seien aber auch nicht immer „die Weltmeister der Toleranz“ gewesen.
„Wer die Kinder hat, hat die Zukunft“
Auf die Frage nach dem hohen Anteil muslimischer Schüler an Wiens Pflichtschulen, wo Muslime laut „Heute“ mit 42 Prozent die größte Gruppe stellen, antwortete Schönborn nüchtern: „Wer die Kinder hat, hat die Zukunft. Es ist so, darüber braucht man nicht zu diskutieren.“ Er verwies auf die Demografie und auf einen Appell, den er Bürgermeister Michael Ludwig zuschreibt: „Tretet wieder in die Kirche ein, dann haben wir mehr Katholiken!“ Dann folgte der Satz, der die Schlagzeilen bestimmt: „Man darf sich nicht wundern, dass Muslime die Mehrheit werden, wenn jeder anständige Österreicher aus der Kirche austritt – ‚weil sich das so gehört‘.“ Die Kritik zielt damit auf die Austrittswelle in der eigenen Kirche: Laut der jüngsten Kirchenstatistik traten 2025 fast 67.000 Menschen aus der katholischen Kirche aus.
„Der Großteil der Muslime will in Frieden zusammenleben“
Schönborn betonte zugleich das Verbindende. Christentum und Islam seien beide missionarische Religionen. „Entweder wir greifen zur Waffe und schauen, wer stärker ist. Oder wir finden Punkte, die uns von unserer Religion her gemeinsam sind“ – den Glauben an Gott, die Verantwortung, Gutes zu tun, und ein Leben nach dem Tod. „Ich bin überzeugt, dass der Großteil der Muslime in unserem Land in Frieden zusammenleben wollen.“
Zur Politik: Vorsichtig, aber nicht stumm
Zu Wahlempfehlungen von Bischöfen, etwa gegen die AfD in Deutschland, mahnte Schönborn zur Vorsicht: Wahlfreiheit sei „ein kostbares Gut“. Die Kirche dürfe aber Grundwerte unterstreichen: „Wie gehen wir mit Flüchtlingen um? Wird die Menschenwürde von einer Partei gefördert oder eher verachtet?“ Gelassen zeigte er sich dagegen beim Streit um eine Partei, die aus dem Korintherbrief „Glaube, Hoffnung, Liebe“ zitiert hatte: „Mich hat das nicht übermäßig aufgeregt. Entscheidend ist nicht, was man sagt, sondern was man tut.“
Credits: Erzdiözese Wien / Stephan Schönlaub
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