Meinl-Reisinger belehrt Oberösterreich. Mit welcher Bilanz?

Meinl-Reisinger belehrt Oberösterreich. Mit welcher Bilanz?

Es gibt Ratschläge, die man gern annimmt. Und es gibt Ratschläge von Beate Meinl-Reisinger an Oberösterreich. Die NEOS-Chefin und Außenministerin hat dem Land ob der Enns im Interview mit den “Oberösterreichischen Nachrichten” empfohlen, “vor der eigenen Haustür zu kehren”. Ihr fehle “diese Ambition hier in Oberösterreich massiv”. Man darf sich die Frage erlauben: Wer kehrt da eigentlich vor wessen Tür?

Der Fakt, der stimmt

Mit ihrer Zahl hat Meinl-Reisinger recht. Laut der Bundesländeranalyse der UniCredit Bank Austria schrumpfte die Wirtschaft in Oberösterreich 2025 um 0,2 Prozent, nur Kärnten schnitt mit minus 0,9 Prozent schlechter ab. 2024 war Oberösterreich mit minus 2,5 Prozent sogar Schlusslicht. Das ist unangenehm für ein Land, das sich gern als Wirtschaftsmotor der Republik versteht. Und Kritik daran ist legitim.

Was die Zahl verschweigt

Nur ist das halbe Bild schlechter als gar keins. Oberösterreich ist Österreichs Industrieland Nummer eins. 2025 exportierte es laut MeinBezirk Waren im Wert von 47,27 Milliarden Euro, knapp ein Viertel aller österreichischen Warenexporte. Ein Bundesland mit diesem Gewicht hängt am Weltmarkt, an der deutschen Konjunktur, an Energiepreisen und Zöllen. Genau deshalb trifft eine Industriekrise Oberösterreich härter als Wien oder Tirol, wo Dienstleistungen und Tourismus abfedern. Die Ökonomen der Bank Austria erwarten übrigens, dass Oberösterreich 2026 “merklich aufholt”. Wer ein Exportland für eine globale Industrieflaute verantwortlich macht, hat entweder die Statistik nicht zu Ende gelesen oder einen Landtagswahlkampf vor Augen.

Die eigene Haustür

Und dann die eigene Haustür. Energiepreise, Lohnnebenkosten, Bürokratie auf Bundesebene, Steuern – das sind die großen Stellschrauben für den Standort, und sie liegen in Wien. Bei der Regierung, der Meinl-Reisinger seit März 2025 angehört. Das pinke Vorzeigeprojekt Entbürokratisierung kam laut einer Anfragebeantwortung bis Juni auf 14 von 113 angekündigten Maßnahmen. Die Paketsteuer, die Händlern und Konsumenten gerade das Leben schwer macht, hat sie mitbeschlossen und nennt sie jetzt selbst “Murks”. Ihr eigener Klubobmann Yannick Shetty sagt: “Wir haben einen Fehler gemacht.” Wer so eine Haustür hat, sollte mit dem Kehren vielleicht zu Hause anfangen.

Die Rückendeckung der Bevölkerung

Dazu kommt das Gewicht der Mahnerin. Im Lazarsfeld-Polit-Barometer für oe24 erreichte Meinl-Reisinger zuletzt einen Saldo von minus 33, laut “Heute”-Politbarometer fiel sie 48 Prozent der Befragten negativ auf. Ihre NEOS liegen bundesweit bei sechs bis sieben Prozent, in Oberösterreich kamen sie bei der letzten Landtagswahl auf 4,2 Prozent. Das heißt nicht, dass sie den Mund halten muss. Aber es heißt, dass sie mit dem Ton der Oberlehrerin vorsichtig sein sollte. Die Ambition, die sie in Linz vermisst, vermissen viele Österreicher in Wien.

Am Boden bleiben

Oberösterreich hat Probleme, das bestreitet niemand. Aber wer ein Bundesland, das seit Jahrzehnten einen erheblichen Teil des österreichischen Wohlstands erwirtschaftet, wegen eines Krisenjahres öffentlich abkanzelt, sollte wenigstens eine eigene Erfolgsbilanz mitbringen. Die liegt bei Meinl-Reisinger derzeit noch im Begutachtungsverfahren. “Wir alle sitzen im gleichen Boot”, hat sie im selben Interview gesagt. Dann sollte sie aufhören, mit dem Finger auf die zu zeigen, die rudern.

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