Es gibt Sätze, die man nur sagen kann, wenn man sehr müde ist oder sehr viel Übung hat. „Heute ist uns da etwas gelungen“, sagte SPÖ-Bundesgeschäftsführer Klaus Seltenheim am Sonntag in der „ZiB 2“. Die Partei habe es „geschafft, Ordnung in ihre Partei zu bringen“. Man reibt sich die Augen. Und sucht die Ordnung.
Fünf Stunden für einen Abschied auf Raten
Zur Erinnerung, was an diesem Tag gelungen ist. Neun Landesparteichefs, der ÖGB-Präsident und die Frauenchefin brauchten rund fünf Stunden in einem Wiener Fünfsternehotel, um sich auf Folgendes zu einigen: Andreas Babler bleibt vorerst Parteichef. Er bleibt vorerst Vizekanzler. Er bleibt danach Minister. Zwei Aufpasser, Philip Kucher und Eva-Maria Holzleitner, werden ihm zur Seite gestellt. Irgendwann 2027 kommt Markus Marterbauer als Vizekanzler, wenn es seine Gesundheit erlaubt. Und im Frühling soll ein außerordentlicher Parteitag klären, wer die Partei eigentlich führt. Drei Köpfe an der Spitze, ein vierter auf Abruf, ein fünfter, Babler, im Ministerium. Wer darin Ordnung erkennt, hat einen sehr großzügigen Ordnungsbegriff.
Nicht einmal der Fahrplan ist klar
Wie geordnet das Ganze ist, zeigt schon die Berichterstattung vom selben Abend. „Heute“ schreibt, Babler bleibe bis Jahresende Parteichef, danach übernehme das Duo Kucher und Holzleitner. Der „Standard“ spricht von einer „scheibchenweisen Ablöse“ bis zum Frühjahr 2027. Seltenheim selbst verkündete eine „geregelte Übergabe“. Wer wann was übergibt, wissen offenbar nicht einmal die, die dabei waren. Fixiert werden soll alles erst am Donnerstag im Parteivorstand.
Die Erinnerung an zwei Wochen zuvor
Besonders heiter wirkt der Auftritt, wenn man ihn neben Seltenheims frühere Aussagen legt. Mitte September nannte er die Spekulationen über ein Babler-Ende laut oe24 noch „Mythen“ und „lächerlich“. Vor einer Woche, als Gerhard Zeiler seine Kandidatur längst angekündigt hatte, sprach Seltenheim von einem Herausforderer, „den es vielleicht auch gar nicht gibt“. Jetzt verkündet derselbe Mann den Abgang seines Chefs als Erfolg. Das ist nicht Ordnung. Das ist ein Parteimanager, der jede Woche erklärt, warum das Gegenteil von letzter Woche genau richtig ist.
„Kapitel beendet“
Bleibt Zeiler. Das Kapitel sei „damit beendet“, erklärte Seltenheim. Nur entscheidet das nicht der Bundesgeschäftsführer. Wenn Zeiler bei einem Parteitag antritt und es mehr als einen Kandidaten gibt, müssten laut Statut wohl die Mitglieder entscheiden. Zeiler postete noch während des Gipfels munter auf seinem neuen Instagram-Kanal. Ein Kapitel, das der Autor noch schreibt, ist selten beendet.
„Inhaltlich gut aufgestellt“
Und dann der schönste Satz des Abends. Die SPÖ sei inhaltlich „gut aufgestellt“, bis zum Parteitag brauche es nur „die eine oder andere Akzentuierung“. Eine Partei bei 15 Prozent, mit einem Parteichef auf Abruf, einem Herausforderer, den man für erledigt erklärt, und acht von neun Landeschefs, die laut „Heute“ den sofortigen Abgang wollten – und das Problem sind ein paar Akzente. Man muss Seltenheim fast bewundern. Es braucht eine eigene Kunst, eine Krise so ruhig wegzuerklären.
Desaströses Bild
Die Wähler sehen eine Partei, die fünf Stunden braucht, um nicht zu entscheiden, wer sie führt. Und einen Geschäftsführer, der ihnen danach im Fernsehen erklärt, alles sei geregelt. Ob man sie damit überzeugt, darf man bezweifeln. Ordnung beginnt mit Klarheit. Und davon war am Sonntag in der Herrengasse am wenigsten zu sehen.
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