Sieben Verbindungsstudenten der Eliteuniversität Cornell sollen 2024 eine Kommilitonin vergewaltigt haben. Angeklagt wurde niemand. Erst eine Zivilklage der Frau brachte den Fall zurück – und löste innerhalb weniger Tage eine Kettenreaktion bis hinauf zur Gouverneurin aus.
Der Vorwurf
Laut einer Zivilklage, die die Frau als „Jane Doe“ im September beim Supreme Court des Bundesstaats New York eingereicht hat, wurde sie am 19. Oktober 2024 im Haus der Studentenverbindung Chi Phi in Ithaca unter Drogen gesetzt und von sieben aktuellen und ehemaligen Mitgliedern über Stunden sexuell missbraucht, wie ABC News und NPR berichten. Sie war damals 20 Jahre alt. Die Klage richtet sich gegen die sieben Männer, gegen Cornell und gegen die Verbindung. Anwälte von zwei der Beschuldigten weisen die Vorwürfe laut CNN zurück. Für alle gilt die Unschuldsvermutung.
Warum es 2024 keine Anklage gab
Der zuständige Bezirksstaatsanwalt von Tompkins County, Matthew Van Houten, verzichtete 2024 auf eine Anklage. Seine Begründung laut CNN: Die Frau habe damals in einer schriftlichen Aussage gegenüber der Universitätspolizei die Drogeneinnahme und sexuelle Handlungen als freiwillig beschrieben, die Vorwürfe in der Zivilklage seien „dramatisch anders“. Laut ABC News deutete die damalige Aussage an, dass manches einvernehmlich war, beschrieb aber auch mehrere Situationen, in denen sie bestimmte Handlungen ablehnte – das Geschehen habe sich „wie Zwang angefühlt“. Die Anwältin der Frau kritisiert, ihre Mandantin sei nie von Ermittlern kontaktiert worden, die für Gespräche mit Vergewaltigungsopfern geschult sind. Van Houten räumte gegenüber CBS ein, ein Protokoll des Gesprächs zwischen der Frau und den Ermittlern nicht gekannt zu haben, als er seine Entscheidung traf.
Cornell: Ausschlüsse statt Anklage
Die Universität selbst führte ein Disziplinarverfahren nach dem Bundesgesetz Title IX. Laut der Anwältin der Frau wurden zwei der sieben Studenten von der Universität ausgeschlossen, die anderen erhielten geringere Strafen wie Suspendierungen oder schriftliche Arbeiten. Die Verbindung Chi Phi wurde 2024 geschlossen und ist bis heute vom Campus verbannt, wie Cornell bestätigt. Die nationale Dachorganisation von Chi Phi betont, die Beschuldigten seien drei Tage nach der Anzeige ausgeschlossen worden – das gehe über alles hinaus, was Gesetz oder Universität verlangt hätten.
Eine Woche, die alles verändert hat
Nach heftiger öffentlicher Kritik kündigte Van Houten am Montag an, den Fall neu aufzurollen und einer Grand Jury vorzulegen. Er erkenne an, dass Opfer sexueller Gewalt oft Jahre brauchten, um das Geschehene zu verarbeiten. Cornell stimmte einer unabhängigen Untersuchung des eigenen Umgangs mit dem Fall zu, Senator Chuck Schumer forderte Ermittlungen. Am Donnerstagabend zog Gouverneurin Kathy Hochul den Bezirksstaatsanwalt dann per Erlass ganz von dem Fall ab. Neu bekannt gewordene Informationen würfen „ernsthafte Fragen“ zur Arbeit der Universitätspolizei und zur Entscheidung gegen eine Anklage auf, so Hochul. Die Ermittlungen übernimmt nun New Yorks Generalstaatsanwältin Letitia James.
Die größere Debatte
Der „Standard“ sieht in dem Fall ein Schlaglicht auf die „strukturelle Bagatellisierung von sexueller Gewalt“ und die Macht der Studentenverbindungen in den USA. Auch in den US-Medien hat der Fall die Debatte darüber neu entfacht, wie Hochschulen und Behörden mit Vorwürfen sexueller Gewalt auf dem Campus umgehen.
Hinweis: Wenn Sie von sexueller Gewalt betroffen sind, finden Sie in Österreich Hilfe bei der Frauenhelpline gegen Gewalt unter 0800 222 555 (kostenlos, rund um die Uhr) sowie im Notfall bei der Polizei unter 133.
Credits: Ivy Tsoi aus Ithaca, NY, US – Flickr, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=356675
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